Der OK-Korridor

Ganz wesentliche Auswirkungen auf den Ablauf der von den Lehramtstudierenden geschilderten kritischen Situationen  hatte, wie eigene und fremde Verhaltensweisen durch die geschilderten Akteure beurteilt wurden. Ein und dieselbe Situation konnte also ganz anders verlaufen, je nachdem, ob beispielsweise ein Studierender die Begrüßung  eines Schülers freundlich oder frech fand. Welches Verhalten die Lehramtstudenten von ihren Interaktionspartnern erwarteten, was also für sie „OK“ war, stellte sich als individuell und auch situationsspezifisch sehr unterschiedlich heraus. Dabei schienen sich die Praktikanten an einem persönlichen Beurteilungskonstrukt  zu orientieren, das ihre Wertvorstellungen operationalisierte und das “OK-Korridor” genannt wurde. Mithilfe des Konstrukts “OK-Korrior” fiel es sehr viel leichter, die Situationen zu schematisieren und es machte zudem Vorhersagen möglich.

Definition des Begriffs OK-Korridor:

OK-Korridore spielen in jeder menschlichen Interaktion einer Rolle und sind relativ stabile Konstrukte zur schnellen und konsistenten Beurteilung von eigenem und fremdem Verhalten. Akzeptiertes Verhalten befindet sich innerhalb des OK-Korridors und kann erwünscht oder aber nur geduldet sein. Außerhalb des OK-Korridors befindet sich die Menge der unerwünschten Verhaltensweisen. Die Einordnung von Verhalten geschieht aufgrund individueller Werte/ dem eigenen Selbstbild, wobei die Einordnung von Affekten begleitet ist und meist unbewusst erfolgt. Wenn ein Verhalten bestimmten Werten ent-, anderen hingegen widerspricht, ist die Einordnung unklar, weshalb die die Grenzen des OK-Korridors nicht eindeutig gekennzeichnet sind. OK-Korridore fassen interindividuell unterschiedlich viele Verhaltensweisen und sind dementsprechend „weit“ oder „eng“.

Wenn die verschiedenen möglichen Einordnungen von Verhaltensweisen zusammengeführt werden, ergibt sich folgendes Bild:

Bezug des Verhaltens zu Werten/Selbstbild

Beurteilung des Verhaltens

Den Werten angepasste / das Selbstbild bestätigende Verhaltensweisen

Erwünscht

Verhaltensweisen, die die Werte / das Selbstbild nicht berühren

Hingenommen/Geduldet

Verhaltensweisen die einem Wert entsprechen, einem anderen dagegen widersprechen

Fraglich

Den Werten nicht-entsprechende / das Selbstbild gefährdende Verhaltensweisen

Unerwünscht

Die Bezüge zu den Werten sind überzeichnet, um sie deutlich herauszustellen. Es gibt auch Verhaltensweisen, die den Werten ein klein wenig zuträglich sind und sich daher zwischen „hingenommen“ und „erwünscht“ befinden. Auch konkurrieren in einem Verhalten öfter Wertbezüge ohne dass sie deshalb unklar einzuordnen sind, da ein Wert bei weitem wichtiger bewertet wird als ein anderer. Dass es „Zwischentöne“ und fließende Übergänge gibt, sollte bei der gewollt klaren Darstellung der Zonen im OK-Korridor bedacht werden.

Werden die Grenzen zwischen den Beurteilungen deutlich gezeichnet, so kann der OK-Korridor also in mehrere „Zonen“ unterteilt werden, die unterschiedlichen „Qualitäten“ von Erwünschtheit zum Ausdruck bringen. In der Graphik sind die Zonen der Verhaltensbeurteilung dargestellt. Dass der OK-Korridor keine  völlig feste Grenzen besitzt ist in der Grafik durch den Farbübergang dargestellt.

Modell final

Die Entstehung des Konstrukts “OK-Korridor” und welchen Einfluss es auf die geschilderten Situationen in den Schulpraktika hatte, kann in dem dieser Homepage zugehörigen Buch nachgelesen werden.

Der kritische Faktor in den den bedeutsamen Situationen war oft, dass darin  enorm viele Erwartungen und damit OK-Korridore eine Rolle spielten. Neben den eigenen Erwartungen der Studierenden an sich selbst (Selbstkorridor) auch die Erwartungen jeder interagierenden Person an ihn (Fremdkorridor), zudem die Erwartungen, die er selbst an die Interagierenden stellt (Richtkorridor) und weitere Erwartungen von außen wie beispielsweise rechtliche Vorgaben oder die Vorstellungen der Praktikumsbetreuer etc. Hinzu kommt, dass die Studierenden oft nicht wirklich wussten, wie die Richtkorridore gestaltet waren und somit nur eine Vermutung bzw. eine interne Repräsentation dieser Korridore hatten. Das gleiche gilt für die Interagierenden, die den Richtkorridore nur vermuten können. Die folgende Grafik  verdeutlicht diese Zusammenhänge:

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