Empfehlungen

Bei der Durchsicht der kritischen Situationen wurde deutlich, dass einige Studenten Maßnahmen getroffen hatten, die sich als nicht “funktional” herausgestellt haben (zur Funktionalität von Maßnahmen siehe Meyer 2010, Kapitel 3.2). Langfristig wäre es sinnvoll, wenn die Universitäten Studierende dazu ausbilden könnten, funktionale Maßnahmen zu treffen, da der Grund für mangelhafte Maßnahmen oft in schlechten Voraussetzungen zu war. Diese waren dann gegeben, wenn der Studierende...

  • keine Basis hatte, um in kritischen Momenten professionelle Reaktionen „abzurufen“, zu konstruieren oder zwischen alternierenden Möglichkeiten auszuwählen
  • nicht mit OK-Korridor-Differenzen in der Interaktion umgehen konnte (also beispielsweise den eigenen Standpunkt nicht begründen konnte und sich also über seinen eigenen OK-Korridor nicht im Klaren war; zu wenig über die Korridore des Interaktionspartners wusste und daher keine Verhandlungen führen konnte; nicht entschied, wann und wie er seine Meinung durchsetzen oder wann er nachgeben sollte)
  • in kritischen Situationen Affekte (Druck, etc.) nicht regulieren konnte
  • nicht auf eigene problematische Gewohnheiten (z.B. immer eher nachzugeben als auf Durchsetzung der eigenen Position zu bestehen) sensibilisiert war beziehungsweise die Gewohnheiten und Automatismen nicht unterbrechen konnte
  • uneindeutige Situationen mit verschuldete beziehungsweise mit diesen nicht umgehen konnte
  • vor einer Bewertung nicht reflektierte oder „unzutreffende“ Schlussfolgerungen zog (z.B. Abwertung eines Schülers, obwohl der Grund für dessen „Fehlverhalten“ die mangelnde Strukturierung des Unterrichts ist)
  • den Aufbau von als notwendig identifizierten Ressourcen aus dem Auge verlor (wie z.B. Kompetenzen)

Den gefundenen „schlechten Voraussetzungen“ stehen Voraussetzungen gegenüber, die zu einer positiven Bewältigung der Situationen führten und ein „professionelles Selbst im Praktikum“ markieren: Es kennzeichnet sich dadurch, dass ein Lehramtstudent Maßnahmen auffindet und auswählt, mit OK-Korridor-Differenzen umgehen kann, seine Affekte reguliert, hinderliche Gewohnheiten kennt und durchbricht, Selbstbild-Spannungen mit unklarer Einordnung vorbeugen oder mit diesen umgehen kann, zutreffende Schlüsse zieht und daraus ableitet, welche Ressourcen ihm noch fehlen und diese im Anschluss erwirbt, um ähnliche Situationen künftig besser bewältigen zu können.

Diese Kennzeichen eines professionellen Selbsts in der ersten Phase der Lehrerbildung konfligieren nicht mit den verschiedenen Ansatzpunkten in der Professionsdebatte, sondern sind dazu geeignet, jede einzelne zu ergänzen. Wenn ein Lehramtstudent professionell arbeiten soll, muss er Möglichkeiten geboten bekommen, diese Kompetenz anzubahnen. Die genannten Kennzeichen markieren daher die Fertigkeiten, die Lehrer in der ersten Phase der Lehrerbildung erwerben sollte.

Die sieben Merkmale eines professionellen Selbsts in der ersten Phase der Lehrerbildung lauten also im Überblick:

  • 1. Merkmal: Ungeklärte Selbstbild-Spannungen vermeiden oder bewältigen können
  • 2. Merkmal: Affekte regulieren können
  • 3. Merkmal: Nichtfunktionale Gewohnheiten überwinden können
  • 4. Merkmal: Verschiedene Maßnahmen auffinden und über deren Funktionalität entscheiden können
  • 5. Merkmal: Mit differierenden OK-Korridoren in der Interaktion umgehen können
  • 6. Merkmal: Reflektieren und treffende Schlussfolgerungen ziehen können
  • 7. Merkmal: Ressourcen aufbauen, die als notwendig identifiziert wurden

Vorschläge, wie diese Merkmale im Einzelnen ausgebildet werden können, sind hier beschrieben