Ergebnisse

Studenten ergriffen in den kritischen Situationen stets deshalb Maßnahmen, um die Spannungen, die sich durch Anforderungssituationen in ihrem Selbstbild aufgebaut hatten, wieder abzubauen. „Selbstbild-Spannung“ ist daher die zentrale Kategorie , das heißt, dass alle Maßnahmen, die die Studenten ergriffen, dazu dienten, die „Selbstbild-Spannung“ zu handhaben. Dabei war es für die Studierenden besonders schwierig, diese Spannung abzubauen, wenn mehrere OK-Korridore miteinander konfligierten. Solche Korridor-Konflikte traten immer dann auf, wenn ein Fremdkorridor nicht mit einem anderen vereinbar war. Beispielsweise wenn eine betreuende Lehrkraft vom Studierenden erwartete, mit harten Sanktionen auf Fehlverhalten zu reagieren (Fremdkorridor), der Student oder die Studentin selbst jedoch eher ein nachsichtiges und freundschaftliches Verhalten zeigen wollte (Selbstkorridor). Die Studierenden mussten dann im konkreten Fall entscheiden, welchem OK-Korridor sie den Vorrang gaben oder eine Möglichkeit finden, beide Korridore zu berücksichtigen. Korridor-Konflikte führten also zu „unklaren Selbstbild-Spannungen“, die schwieriger abzubauen waren.

Bei allen vorhandenen Selbstbild- Spannungen (egal, ob negativ, positiv oder unklar) wurden Maßnahmen ergriffen, um die Spannung zu beseitigen. Konnte sie beseitigt werden, dann entstand bei den Studierenden ein Erfolgserlebnis, das “Wirkmacht” genannt wurde. Anscheinend bevorzugten Lehramtstudenten bestimmte Bereiche, in denen sie Wirkmacht erleben wollten, woraus eine Typologie von Interaktionsstilen entwickelt wurde.

 Alle Maßnahmen, die in den Daten gefunden wurden, konnten in insgesamt drei Kategorien eingeteilt werden: Vorbereitende, intern ausgleichende und externe Maßnahmen. Unter welchen Bedingungen welche der drei Strategien zum Abbau von Spannungen in der Regel ausgewählt wurde und wie sich die Durchführung konkret gestaltete, ist in der folgenden Tabelle zusammengefasst. In der dieser Studie zugrundeliegenden Monologie sind die einzelnen Punkte näher ausgeführt und mit Beispielen versehen.

Strategie

Bedingungen

Durchführung

Vorbereitende Maßnahmen

Wenn Selbstbild-Spannung reduziert werden soll, aber zuerst abgewogen wird, ob und wie dieses in Übereinstimmung mit den eigenen Werten am besten erreicht wird.

Die Studierenden hemmen Impulse und suchen relevante Informationen zur Situation. Zudem versuchen sie, viele Maßnahmen aufzufinden und auf ihre Durchführbarkeit und Effektivität hin zu bewerten, beziehungsweise beides zu verbessern. Dadurch erhoffen sie sich eine bessere Leistung und eine erhöhte Wirkmacht.

Extern verändernde Maßnahmen

Wenn Selbstbild-Spannung abgebaut werden soll und dazu direkt mit dem Gegenüber interagiert wird, das diesen Abbau auslösen kann.

Die Studenten reagieren in Interaktion mit ihrem Gegenüber durch Maßnahmen

  • zur Regulierung der Beziehungsqualität oder
  • zur Behauptung der eigenen Stellung
  • Auch reagieren sie auf oder mit neuen Interpunktionen in der Interaktion.

Intern ausgleichende Maßnahmen

Wenn Selbstbild-Spannung reduziert werden soll, aber bei den vorbereitenden Maßnahmen situationsändernde Zusammenhänge gefunden wurden oder wenn die Spannung nicht durch eine extern verändernde Maßnahme hergestellt werden kann/konnte.

Die Studenten verändern ihren OK-Korridor durch folgende Maßnahmen:

  • Bewertung des Interaktionspartners
  • Relativierung des Ereignisses
  • Bewertung intervenierender Bedingungen
  • Änderung von Werten
  • Änderung des Selbstbilds

Positiv empfundene Spannung konnte in den Fällen am leichtesten abgebaut werden. Dabei wurde meist das Selbstbild (nach eventuellen Überprüfungen als vorbereitende Maßnahmen) in Richtung erwünschtes Selbstbild verändert (intern ausgleichende Maßnahme). Bei uneindeutigen Selbstbild-Spannungen wurden meist weitere Informationen eingeholt (vorbereitende Maßnahme) und entsprechend der anschließenden Einschätzung weitere Maßnahmen ergriffen. Bei negativ empfundenen Selbstbildgefährdungen waren hingegen in den geschilderten Fällen mitunter sehr viele Maßnahmen notwendig, bis die Spannung gelöst werden konnte.

Der Ablauf der bedeutsamen Situationen, die Lehramtstudenten in ihren Praktika erleben kann also wie folgt dargestellt werden:

Ablauf ausführlich

Im Laufe des Prozesses konnte es jeweils sein, dass sich die Spannung veränderte, also entweder geringer wurde oder weiter aufbaute. Zusätzlich konnten Selbstbild-Spannungen in anderen Bereichen entstehen, wodurch die Situationen an Komplexität zunahmen.

Eine wesentliche Frage für die Beurteilung der Situationen ist, wann eine Maßnahme als „gut“ oder „erfolgreich“ bezeichnet werden kann. Aus der Datenauswertung geht hervor, dass die Studierenden immer dann von einer hohen Zufriedenheit berichteten, wenn sie Maßnahmen getroffen hatten, die mit ihrem Selbstbild vereinbar waren und diese Maßnahmen gleichzeitig Folgen nach sich zogen, die das Selbstbild bestätigten oder es sogar aufwerteten. Sie waren also zufrieden, wenn sie mit einem als adäquat empfundenen Ressourceneinsatz ein gewünschtes Ergebnis erzielt, die Beziehungsqualität oder das Stellungsgefüge wie gewünscht gestaltet hatten. Eine Reaktion, mit der die Studierenden zufrieden waren, musste dabei aber nicht gleichzeitig den “offiziellen” Zielen der Lehrerbildung entsprechen, weshalb nicht immer davon gesprochen werden kann, dass die Praktika zu einer Professionalisierung der Lehramtstudenten führt. Unter anderem aus diesem Grund werden als Folge der Studie Empfehlungen zur Veränderung der Lehrerbildung in der ersten Ausbildungsphase (an der Universität) abgeleitet.